Stadt Lenzburg
23.01.2019

Spezial-Medizin statt Frühlingsrollen

<em>Neues Angebot im Lenzburger Zentrum:</em> Reto Eichenberger neben dem Computertomografen in seiner Radiologie-Praxis.Foto: Fritz Thut

Neues Angebot im Lenzburger Zentrum: Reto Eichenberger neben dem Computertomografen in seiner Radiologie-Praxis.Foto: Fritz Thut

Gesundheitswesen Am Rande der Lenzburger Altstadt betreibt Reto Eichenberger im Gebäude des ehemaligen «Long Long» seit einigen Wochen eine Radiologie-Praxis.

Fritz Thut

Das Haus an der Ecke Poststrasse-Torgasse ist quasi eine Eingangspforte zur Altstadt und gut 100 Jahre alt. Hier war das legendäre Restaurant Central; eine typische Beiz im Erdgeschoss, darüber ein klassisches Säli für Vereinsanlässe aller Art. Danach folgte ein Wirte-, Namens- und Angebotswechsel: Im «Long Long» gab es Asiatisches, etwa ein kostengünstiges Zmittagbüffet.

Statt Frühlingsrollen werden seit einigen Wochen medizinische Spezial-Untersuchungen angeboten. Reto Eichenberger betreibt hier die erste Radiologie-Praxis in der Region. Dazu musste die Liegenschaft ausgehöhlt und innen total neu gebaut werden. Über drei Etagen sind die Spezialgeräte verteilt. Im Dachgeschoss wurde eine Wohnung eingerichtet, in der der Eigentümer lebt.

Spezialist statt Hausarzt

Als sich Reto Eichenberger fürs Medizinstudium entschied, habe er als späteres Ziel «zuerst an Hausarzt gedacht». Doch im Verlauf der Ausbildung verschoben sich die Vorlieben – auch wegen des vorübergehenden Zulassungsstopps – vom Allround-Hausarzt zur Radiologie, einer Disziplin, in der er seine Affinität zur Technik optimal ausleben kann.

Obwohl er seine Position als Oberarzt am Universitätsspital Basel als «tollste Stelle» bezeichnet, wuchs die schon lange im Hinterkopf schlummernde Idee einer eigenen Praxis immer mehr. Und in der Heimat wurde das Vorhaben in die Tat umgesetzt. Im Kanton Aargau, ohne eigene medizinische Fakultät, gab es bislang nur ganz wenige spitalunabhängige Radiologie-Praxen; der Markt scheint bereit.

Überweisungen von Hausärzten

Nach Abklärungen mit einem Unternehmensberater aus der Region wurde das Projekt angestossen. «Was in andern Ländern möglich ist, muss auch bei uns möglich sein», sagte sich Eichenberger. Er hält die Zeit für die Aufteilung und die Spezialisierung der Medizin mit verschiedenen, auf einen Bereich konzentrierten Praxen für gekommen: «Diese Entwicklung setzt in der Schweiz etwas spät ein; hier dominiert nach wie vor die Ein-Stopp-Philosophie.»

Nach dem aufwändigen Umbau, bei dem unter anderem als Auflage der Denkmalpflege der Gewölbekeller im Untergeschoss erhalten werden musste, ist die «Radiologie Praxis Lenzburg AG» seit einigen Wochen in Betrieb. Patienten werden von Hausärzten aus der Region, zu denen Eichenberger ein Beziehungsnetz aufbauen will, zu Untersuchungen mit Magnetresonanztomografie (MRI), Computertomografie (CT), klassischem Röntgen oder Ultraschall und ab Mitte Jahr mit Mammografie überwiesen. Eichenberger wird durch weitere Fachärzte und Praxisassistentinnen unterstützt.

Den latenten Vorwurf, Spezialpraxen würden das ohnehin schon hochpreisige Gesundheitswesen hierzulande weiter verteuern, kontert Reto Eichenberger geschickt: «Radiologie ist Teil der Grunddiagnostik in der modernen Medizin.» Es mache Sinn, die millionenteuren Apparate nur in beschränkter Anzahl anzuschaffen und so sogar gesamtwirtschaftlich Kosten einzusparen. Aber: «Wir sind nun mal der klassische Buhmann der Gesundheitspolitik.»