Stadt Lenzburg
10.05.2018

Gesprengte Grenzen der Kirche

Konzert Dem Musikverein Lenzburg gelingt eine fulminante Darbietung Schuberts grösster und längster Messe in der leider für die Ausmasse des Werks und dessen Besetzung klanglich allzu beengenden Stadtkirche.

Stefanie Osswald

Es-Dur, das ist der Ton der Liebe, der Andacht, des traulichen Gesprächs mit Gott (…)» ist in Quellen zur Tonartencharakteristik des Jahres 1785 zu lesen.

Die Es-Dur-Messe des österreichischen Komponisten Franz Schubert ist seine grösste und längste Messe. Sie entstand im Juni und Juli seines letzten Lebensjahres 1828. Insgesamt schuf der bereits 31-jährig verstorbene Schubert sechs lateinische Messen und steht als erster grosser Messekomponist in bürgerlicher Tradition.

Im Gegensatz zu den vier frühen Messen der Jahre 1814 bis 1816 ist die Es-Dur-Messe, schon des zeitlichen Umfangs von 55 Minuten wegen, nicht für den liturgischen Gebrauch bestimmt gewesen und wurde von vornherein als Konzertmesse angelegt. Wie viele andere seiner Spätwerke hörte Schubert sein Werk nie.

Nun nimmt sich der Musikverein Lenzburg unter dem konzentriert prägnanten Dirigat von Beat Wälti dieser gewaltigen Chormesse, liegend an der Grenze zwischen der romantischen Expressivität und edler Einfachheit der ausgehenden Klassik, an.

Zu Beginn des Kyrie noch zurückhaltend, formen sich die Register des vierstimmigen Chors, getragen durch brillante Achtelbewegungen in den Geigen, zu einem gewaltigen, gar archaisch anmutenden Monumentaltableau klanglicher Leuchtkraft, um sich im festlich schwebenden Gestus des folgenden Gloria zeitweise zu entladen.

Intonationssicherheit auch bei harmonisch verschachtelten Modulationen gehören ebenso zu den besonderen Stärken des Chors wie dynamische Extravaganz und die Prägnanz in der Aussprache, die als ein Ergebnis intensiver Probearbeiten mit Stimmbildnerin Christa Peyer erkennbar wird.

An Kraft fehlt es nicht

Hervorragende Eindrücke hinterlassen die dem Amateurchor im Credo, im Benedictus sowie im das Werk abschliessenden Agnus Dei hinzutretenden professionellen Vokalsolisten Regula Konrad im Sopran, die Altistin Daphne Mosimann, die Tenöre Christoph Metzger und Moritz Achermann sowie Bassbariton Stefan Vock.

Stimmlich wirkt der erst 27-jährige Achermann zunächst zwar noch etwas harsch und tapsig wie ein Igel in der Krokusrabatte, überwältigt zum Ende hin jedoch durch seine jugendlich tenorale Zärtlichkeit sowie seinen unangestrengt umstandslosen Ton. An Kraft fehlt es ihm keinesfalls. Doch niemand kann auch so wunderbar weittragende Bögen im Leisen bauen wie Bassbariton Stefan Vock. Mit stahlblanker Majestät finden hier Klang und Sprache zu musikalischer Ausgewogenheit.

Unüblich auch die von Schubert geforderte Besetzung durch die den Chor und seine Register begleitenden drei Posaunen im Orchester. Intonatorisch sicher meistern die Posaunisten Adrian Weber, Silvio Benz und Matthias Schneebeli den für ihre Instrumente durchwegs anspruchsvollen Part.

Insgesamt bot sich den Zuhörern ein konzertantes Erlebnis, ungeachtet dessen, dass die Darbietung nicht perfekt ist. Die leider matte – bei der Fülle an Besuchern gelegentlich Klang schluckende – Akustik im für gewöhnliche Werke so angenehm weiten Saal der Stadtkirche gibt Wälti und seinen Klangkörpern wenig Gelegenheit, ihre Qualitäten lang entfalteter Ohr und Seele erspinnender Entwicklungen trotz klangfarblicher Weite von Chor und Orchester bis auf die letzten Besucherplätze auszuspielen. Andererseits: Das Atmosphärische stimmt durchwegs; hätte man dem Klang doch zeitweise eine räumliche Befreiung gegönnt.

Dem Musikverein Lenzburg gelingt mit der Aufführung der Messe in Es-Dur des «Liederfürsten» Franz Schubert ein Konzertabend, der allen rund 260 Konzertbesuchern in Erinnerung bleiben dürfte.