Stadt Lenzburg
11.04.2018

Eine Hexenjagd des 20. Jahrhunderts

Reise in die regionale Vergangenheit: Der in Lenzburg wohnhafte Kurt Badertscher signiert seinen Roman «Giftmord». Foto: Stefanie Osswald

Reise in die regionale Vergangenheit: Der in Lenzburg wohnhafte Kurt Badertscher signiert seinen Roman «Giftmord». Foto: Stefanie Osswald

Krimi: Mit seinem neu erschienenen Buch «Giftmord» legt der Lenzburger Autor Kurt Badertscher auf 248 Seiten eine regionale Kriminalgeschichte vor, die mehr ist als bloss ein akkurat recherchiertes Historiendrama.

Stefanie Osswald

Es gibt Geschichten, die können nur an bestimmten Orten spielen. So versammelten sich rund hundert Neugierige aus der ganzen Region am 5. April im Rathaussaal des städtischen Rathauses Aarau, um der Präsentation einer literarischen Neuerscheinung zu lauschen, deren Inhalt vielen seit Anfang der 1930er-Jahre bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

«Hier im Rathaussaal schliesst sich heute ein Kreis. Denn genau an diesem Ort und vor exakt 89 Jahren und 6 Monaten nämlich, wurde am 5. Oktober 1929 Verena Lehner-Kaufmann des Doppelgiftmordes angeklagt unter den Augen rund 400 Schaulustiger vom aargauischen Kriminalgericht zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt», führte der Autor Kurt Badertscher sein aufmerksames Publikum ein.

Arsen für die Untermieter

Verena Lehner solle in den 1920er-Jahren abseits des Dorfes Suhr zweien ihrer Untermieter das Essen mit Arsen vergiftet haben. Dort lebte die Frau, die sechzehn Kinder zur Welt brachte, in einiger Entfernung vom Dorf am Waldrand im Ryntal. Es wurde berichtet, sie sage den Leuten aus Karten die Zukunft voraus. Eine Wahrsagerin meinten die einen, andere behaupteten sie sei gar eine Hexe gewesen.

Der Fall Lehner blieb letztlich ungeklärt. Lehner gestand nie. «Ich habe nichts gemacht und bin unschuldig!», waren ihre letzten Worte nach der Urteilsverkündung im Gerichtssaal, bevor sich am fünften Prozesstag das Tor der Strafanstalt Lenzburg hinter ihr schloss. Ein Fall, der die Menschen sowie die Medien bis weit über die Kantonsgrenze hinaus in Aufruhr versetzte. Schuldig im Sinne der Anklage: Oder war der Prozess gar eine Hexenjagd im zwanzigsten Jahrhundert?

Nun widmet der in Lenzburg wohnhafte und in Suhr aufgewachsene Autor und gelernte Werkzeugmacher Kurt Badertscher diesem fesselnden Stoff eine romanhafte Erzählung mit Sachbuchcharakter.

Parallelen zu «Rupperswil»

Den Mythos der Wahrsagerin aus Suhr kannte Badertscher wie viele andere bereits aus Kindertagen. Die Anregung den Fall Lehner auf eigene Faust genauer unter die Lupe zu nehmen, brachte eine Seminararbeit seiner Tochter zum Thema Hexenprozesse. Seine ausgiebigen Recherchen führten ihn in die Kantonsbibliothek sowie ins Staatsarchiv in Aarau, wo er auf wichtige Dokumente, wie die Prozessakten, stösst.

Zudem erhält Badertscher Einblick in die Presselandschaft von 1929. In Artikeln des «Aargauer Tagblatt», der «Neuen Aargauer Zeitung», des «Wynentaler Blatt» und auch der «Lenzburger Zeitung», die den Fall Lehner mit teilweise hetzerischen Titeln begleitend kommentierten, die soziale Vorverurteilung schürten und ein mythisches Bild der Wahrsagerin zeichneten, welches über mehrere Generationen in den Köpfen der Menschen fortbestehen sollte.

«Parallelen zum Mordfall in Rupperswil tun sich auf», bemerkt Jannis Zinniker in seiner Laudatio im Aargauer Rathaussaal. «Der Publikumsandrang, die Medien als Vermittler des Prozessverlaufes für die Daheimgebliebenen. Die mediale und soziale Vorverurteilung. Aber auch die Unterschiede: Im Fall Lehner kein Geständnis, lebenslänglich. Kein Rekurs.»

Historie und Fiktion verwoben

Verena Lehner verlor ihr menschliches Gesicht. Badertscher bringt es ihr zurück und rekonstruiert auch auf Grundlage von Gesprächen mit den Nachfahren das Bild einer unangepasst widerständigen Frau, die nicht in das Frauenbild ihrer Zeit zu passen schien.

Geschickt verwebt Badertscher in seiner bereits achten Publikation Historie und Fiktion mit feinsinnig literarischer Erzählfähigkeit, wechselt von der dokumentarischen auf die literarische Ebene und nimmt den Leser auf 248 Seiten mit auf eine Reise durch ein Stück regionale Vergangenheit.

Das Buch «Giftmord-eine Kriminalgeschichte von 1929» ist im Hier und Jetzt Verlag Baden erschienen. – Die nächste Lesung findet statt am 22. April, um 11 Uhr im Cafe litteraire in der Stadtbibliothek, Kirchgasse 2 in Lenzburg.