Stadt Lenzburg
24.01.2018

Französische Romantik – gefühlvoll und virtuos

Begeisterte: Sinfoniekonzert mit französischer Romantik und Solist Christoph Croisé in der Stadtkirche Lenzburg. Foto: StO

Begeisterte: Sinfoniekonzert mit französischer Romantik und Solist Christoph Croisé in der Stadtkirche Lenzburg. Foto: StO

Mit einem klanggewaltigen Sinfoniekonzert bot das Orchester des Musikvereins Lenzburg unter der Leitung von Beat Wälti einen facettenreichen Einblick in die Stilistik französischer Romantik des 19. Jahrhunderts. Als Solist glänzte Christoph Croisé.

Stefanie Osswald

Es ist ein bisschen wie im Märchen. Wer den wahren Schatz finden will, kommt nicht selten umhin, schlafende Ungeheuer zu wecken. In ganz ähnlicher Weise führte der illusionslose Blick der Aufklärung auf die Schwächen des Menschen dazu, dass es nun zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehr denn je auch um die dunklen Seiten des Bewusstseins zu gehen hat.

Die Musik der Romantik erscheint vor diesem Hintergrund gar als Radikalisierung des Vertrauens auf den Verstand und packt ihren Zuhörern schamlos das auf die Brust, was das menschliche Bewusstsein an unbegreiflichen, teils erschreckenden Inhalten alles so ausbrütet.

Grosse, kontraststarke Werke

Mit Camille Saint-Saëns’ Cellokonzert Nr.1, a-Moll, op. 33, und Georges Bizets Sinfonie Nr.1 in C-Dur erklangen am letzten Sonntag zwei grosse Werke namhafter Romantiker in der reformierten Kirche in Lenzburg, die kontrastreicher nicht hätten sein können. Während Saint-Saëns sich mit charakteristischen Mitteln wie der Auflösung der Form sowie der Tonalität ganz dem Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts zuwendet, folgt Bizet in seinem Jugendwerk klassizistischen Vorbildern wie Haydn und Mozart.

«Den stilistischen Unterschied dieser doch zeitnah entstandenen Werke französischer Komponisten hörbar zu machen, war uns ein Anliegen in der Konzeption des Konzertes», betont der Kantonsschullehrer, Dirigent und ausgebildete Konzertpianist Beat Wälti.

Unter seinem durchwegs einfühlsamen und zugleich packend engagierten Dirigat liefen die 35 Orchestermusiker des Musikvereins Lenzburg zu Höchstleistungen auf und erfüllten die bis auf den letzten Platz ausverkauften Gemäuer der reformierten Kirche Lenzburg mit gewaltiger Klanglichkeit des gross besetzten Sinfonieorchesters.

Zärtlich bis rauschhaft

Eindrücklich inszeniert und ganz in romantischer Tradition emphatisch zugespitzt erscheint dabei der Solopart des Cellisten Christoph Croisé aus Niederlenz im den Abend eröffnenden ersten Cellokonzert des Franzosen Saint-Saëns, welches mit virtuosen Läufen und dynamisch forderndem Ambitus als Paradestück jedes aufstrebenden Cellisten gelten darf.

Croisés Strich ist präzise, seine Gesten ausschweifend, seine Musik, die er auch so ernst und umstandslos vorträgt, dass es einem ganz warm wird im Bauch, wirkt von zärtlich tiefgreifend bis rauschhaft. Und dennoch: Croisé schöpft energetisch durchwegs aus dem Vollen, lässt den Körper seines 1712 erbauten Goffriller-Cellos nur so vibrieren und findet stets zum gut balancierten Tuttiklang zurück. Mit einer Zugabe, dem zeitgenössischen Stück «Stonehenge» für Solo-Cello von Peter Pejtsik, wusste Croisé sein Publikum zudem mit virtuoser Fingerfertigkeit zu beeindrucken.

Gefühlvoll und virtuos interpretiert bahnen Solist und Orchester sich während 80 Minuten Konzertdauer nun den Weg durch das Drama einer Musik zwischen Sehnsucht, Pathos, Leidenschaft und Abgrund und fügen sich sukzessive zu einem homogenen Klanggeflecht, welches vor allem im Finale, dem Allegro vivace in Bizets viersätzig angelegter Sinfonie C-Dur. zur vollen Blüte gelangt.

Können und Ausdauer

Derweil beweisen die Musiker nicht nur ihr spielerisches Können, sondern auch ihre Ausdauer. Mit etwa 35 Minuten Spielzeit zählt Bizets Jugendwerk, welches er mit gerade einmal siebzehn Jahren komponierte, zum längsten geschlossenen Werk des Abends. Unter der Leitung von Beat Wälti gelingt allen Beteiligten ein musikalisch romantischer Abend, der nach Fortsetzung verlangt.