Stadt Lenzburg
16.11.2016

Steamboat à la carte

Komponist Urs Erdin mit Konzertmeisterin Monika Altorfer. Fotos: Mirjam StutzHochkonzentriert für den punktgenauen Einsatz.

Komponist Urs Erdin mit Konzertmeisterin Monika Altorfer. Fotos: Mirjam Stutz

Hochkonzentriert für den punktgenauen Einsatz.

Mit Steamboat Bill Jr. präsentierte sich am letzten Wochenende das Ergebnis eines mitreissend opulenten Bildungsprojektes made in Lenzburg.

Stefanie Osswald

Mit der Musik ist es leider wie mit gutem Essen. Kaum wurde serviert, ist es auch schon wieder weg. Je liebevoller die Zubereitung, desto schneller. Wahrlich ein bedauerliches Paradoxon. Doch unvermeidbar, auch für all diejenigen, die dazu neigen, der Kurzweil genussvoller Momente hinterherzutrauern. Und was am Ende bleibt, ist bestenfalls die zufriedene Erinnerung an ein vollmundiges Geschmackserlebnis.

Genau so dürfte es allen Beteiligten und Zuschauern gegangen sein, als sich am letzten Sonntag der allerletzte Ton von Urs Erdins Neukomposition zu Buster Keatons Stummfilmklassiker in den Weiten der geräumigen Mehrzweckhalle Lenzburg unwiederbringlich verflüchtigte.

Unmittelbar exponierte sich das vollbesetzte Symphonieorchester, bestehend aus 100 Laien- und Profimusikern, vor den ersten Publikumsreihen, ermöglichte seltene Einblicke in die Funktionsweise eines Klangkörpers und stellte mit klanggewaltiger Inszenierung der rund siebzig-minütigen Komposition zeitweise gar die auf Grossleinwand gezeigten Filmszenen in den Schatten.

Lange Vorbereitungszeit

Bis ins Detail durchdacht und mit allen Mitteln opulent umgesetzt, sorgte der Projektleiter und Mann für alle Fälle Peter Sterki für einen reibungslosen Ablauf dieses gigantischen Prestigeprojektes. Dabei bot der Pianist durch seinen bedingungslosen Einsatz vor sowie hinter der Bühne nicht zuletzt dem Komponisten eine Plattform zur Selbstdarstellung, während er selbst gerne diskret im Hintergrund verschwand.

Und nicht nur der Star des Abends, Urs Erdin, legte kurz vor der Uraufführung seines vergnüglichen Novums noch einen kompositorischen Endspurt ein. Auch die Laienmusiker mussten sich allesamt ordentlich ins Zeug legen, um den Ansprüchen seiner rhythmisch vertrackten Klangdichtung technisch sowie musikalisch gerecht zu werden.

Erdins Musik ist nichts für Träumer

Bodenständig und hochenergetisch rüttelt sie auf, geht ans Lebendige. Verschachtelte Rhythmen und diffuse Chromatik kleiden die Filmszenen dabei in ein überraschend adrettes Gewand. Kompromisslos und konstant hochtourig treibt der symphonische Marsch die Zeit an ihre energetische Schmerzgrenze und gönnt den Szenen kaum Entspannungsphasen. Doch trotz aller melodiöser Widerborstigkeit dieser beachtlichen Neuschöpfung: Man hörte sich ein. Die siebzig Minuten rauschten nur so vorüber und hinterliessen eine Mischung aus Euphorie, Zufriedenheit und Wehmut auf allen Gesichtern.

«Das viele Üben hat sich gelohnt. Zu schade, dass es nun schon wieder vorbei ist. Für uns war es eine lehrreiche Erfahrung, einmal mit professionellen Musikern in einem Orchester zu spielen», strahlen die beiden jungen Musikerinnen des Jugendspiels Lenzburg, Alessja Wolf und Marina Lustenberger, nach einer fulminanten Premiere dieses bebilderten Konzertes und wurden dafür belohnt von den kaum enden wollenden Begeisterungsstürmen ihres Publikums.

Erdin ermöglicht mit seiner Neukomposition erfrischende Perspektiven auf einen glorifiziert geglaubten Weltklassiker der Filmgeschichte. Und Peter Sterki extrahiert daraus mit didaktischem Geschick ein Projekt, bei dem Hochkultur auf Basiskultur trifft und das sich verbindet zu einem mehrdimensionalen Sinnerlebnis für Aug, Ohr und auch für alle anderen Geschmacksnerven.