01.10.2020

Verwaltungszentrum erlitt Schiffbruch

Wird vorerst kein Verwaltungsbüro: Blick in ein Zimmer im aufwendig renovierten KV-Schulhaus am Lenzburger Freischarenplatz. Foto: Chris Iseli

Wird vorerst kein Verwaltungsbüro: Blick in ein Zimmer im aufwendig renovierten KV-Schulhaus am Lenzburger Freischarenplatz. Foto: Chris Iseli

Einwohnerrat: Ein weiteres Mal in diesem vermaledeiten Jahr wurde im Stadtparlament viel Geschirr zerschlagen. Das Projekt Lenzburg21, das die Implementierung einer zentralen Stadtverwaltung im frei gewordenen Hünerwadelhaus vorsah, wurde nach einer teilweise gehässigen Debatte mit 22 zu 14 Stimmen zurückgewiesen. Was blieb? Ein Scherbenhaufen.

Von: Fritz Thut

Die Kunst des Lebens ist es, aus Tiefschlägen das Beste zu machen. In diesem Sinne hat man in Lenzburg die vom Kanton verordnete Schliessung des KV-Schulhauses im Hünerwadelhaus am Freischarenplatz als Chance wahrgenommen. Als Chance, die schon seit vielen Jahren angedachte Zentralisierung der momentan noch weit verstreuten Verwaltungseinheiten endlich konkret an die Hand zu nehmen.

Der Stadtrat taufte das Projekt Lenzburg21. Zwölf Verwaltungsbereiche, aktuell noch auf neun Standorte verteilt, sollen unter einem Dach, eben jenem des Hünerwadelhauses, zusammengeführt werden. Das städtische Verwaltungszentrumsoll soll der Bürgernähe dienen, soll die Verwaltung «modern, effizient und dienstleistungsorientiert» machen.

Nachdem die KV-Schule inzwischen bereits ausgezogen ist, drückt der Stadtrat mächtig aufs Tempo. Nach Ansicht des Einwohnerrats vielleicht zu sehr. Bereits im letzten Dezember, als es um den Planungskredit ging, gab es harsche Kritik und schliesslich wurde der Betrag um fast 13 Prozent zusammengestaucht.

Bekenntnis zu «Lenzburg21»

Vor Wochenfrist befand das Stadtparlament nun über das Ergebnis dieser 1,1 Millionen Franken teuren Planung – und war davon wieder nicht angetan. Corin Ballhaus (SVP) als Sprecherin der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission (GPFK) sagte zwar, dass sich dieses Gremium «klar zu ‹Lenzburg21› und dem Hünerwadelhaus» bekennt, bemängelte jedoch verschiedene Punkte in der stadträtlichen Vorlage. 

Sie vermisste klare Bestandesaufnahmen etwa bei der IT-Infrastruktur und genaue Ziele für die verschiedenen Bereiche für die Zukunft. Ballhaus stellte schliesslich die finale Frage: «Ist die Investition von 5,9 Millionen Franken notwendig und berechtigt?»

Eine Mehrheit der GPFK konnte diese Frage nur bejahen, wenn der Stadtrat Hand bietet zu einer Neuausschreibung des Projekts in der Umsetzungsphase. Man dürfe ein «Sachgeschäft nicht mit Personalien verknüpfen», lehnte Stadtammann Daniel Mosimann diese Forderung ab: «Der Stadtrat lässt sich nicht nötigen.»

Persönliche Animositäten

In der restlichen Debatte wurde munter über und teilweise unter der Gürtellinie auf den Mann gespielt respektive Details der Vorlage seziert, die in der jetzigen Projektphase eine höchstens untergeordnete Rolle spielen.

Als Aussenstehender kam man den Gründen für die für den Lenzburger Einwohnerrat eher ungewohnten Töne höchstens zwischen den Zeilen auf die Spur. Zum einen scheinen persönliche Animositäten gegen Stadt und Stadtrat Auslöser für scharfe bürgerliche Attacken zu sein. Zum andern musste sich die Exekutive auch von wohlmeinenden Votanten aus Mitte und Links Vorwürfe wegen unglücklicher oder nichtexistenter Kommunikation anhören.

Tatsächlich spielte der Stadtrat gegenüber der Öffentlichkeit und selbst gegenüber der GPFK nicht immer mit offenen Karten, als es um die Vergabe von Aufträgen rund um die Planung von «Lenzburg21» ging. «Das Vertrauen fehlt», musste Remo Keller (SP), wie viele andere, feststellen. So war es nur folgerichtig, dass der von Michael Häusermann (SVP) eingebrachte Rückweisungsantrag im Verhältnis 2 zu 3 angenommen wurde.

Stadtammann Mosimann wollte unmittelbar nach der Sitzung nicht von einem Scherbenhaufen reden. Doch der Einwohnerrat hat sich zum zweiten Mal innert Jahresfrist als Geldvernichtungsmaschine betätigt, indem er ein teures Projekt zurückwies.