03.09.2020

«Ich wäre in Lenzburg geblieben»

Auftritt in der alten Heimat: Concetto Vecchio während seiner Lesung im Alten Gemeindesaal in Lenzburg. Foto: Fritz Thut

Auftritt in der alten Heimat: Concetto Vecchio während seiner Lesung im Alten Gemeindesaal in Lenzburg. Foto: Fritz Thut

Von: Fritz Thut

Lesung: Im Alten Gemeindesaal stellte der Autor Concetto Vecchio sein Buch «Jagt sie weg!» vor. Es handelt von der italienischen Migration zu Zeiten der Schwarzenbach-Initiative. 

Mit fast vier Monaten Verzögerung konnte der heutige «Repubblica»-Journalist Concetto Vecchio sein Buch endlich in jener Stadt vorstellen, in der er aufgewachsen ist und die er vor 35 Jahren mit seinen Eltern in Richtung deren sizilianischer Heimat verlassen hat: «Ich wäre nie aus Lenzburg weggezogen», machte er der Stadt eine kleine Liebeserklärung.

Im letzten Herbst hatte Vecchio, der seinen allerersten Artikel, eine Reportage über einen Fussball-Juniorenmatch,  für den Lenzburger Bezirks-Anzeiger schrieb, schon einmal seine eigene ehemalige Heimat für eine Lesung besucht. Damals war noch vieles anders. Er las im überquellenden Kirchgemeindesaal, er las auf Italienisch aus seinem in Italien zum Bestseller avancierten «Cacciateli!».

Signieren mit Gesichtsmaske

Inzwischen, mitten in der Coronapandemie, ist das Buch in deutscher Übersetzung erschienen und Concetto Vecchio las diesmal – neu mit Bart statt glatt rasiert wie letzten September – im Alten Gemeindesaal vor 97 namentlich registrierten Zuhörern und signierte anschliessend «Jagt sie weg!» mit Gesichtsmaske.

Das Buch handelt von den italienschen Gastarbeitern in der Schweiz in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Als Beispiel schildert Vecchio die Geschichte seiner Eltern, die er für sich persönlich während der Recherche für das Buch erst kennen gelernt hatte:  «Es ist unglaublich, wie wenig man über seine eigenen Eltern weiss», verriet er dem Lenzburger Publikum.

Die Thematik des Buches ist gerade im heutigen Italien aktueller denn je. Vecchios Auseinandersetzung mit der Schwarzenbach-Initiative, die die Zahl der Ausländer in der Schweiz limitieren wollte, 1970 aber abgelehnt wurde, findet Parallelen: etwa im ehemaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini, der zwar nie erwähnt wird, dessen Name aber immer wieder durchschimmert.

Wie Vecchio ausführte, sind heute in  Italien die gleichen Vorurteile über Immigranten zu hören wie vor 50, 60 Jahren in der Schweiz. Nicht zuletzt wegen der verdrängten Geschichte der eigenen Landsleute «steckt Italien seit vielen Jahren in einer moralischen Krise».

In seinem Buch, einer Mischung aus Familiengeschichte und detaillierter Abhandlung über Migration, kann «jeder das lesen, was er will», so Concetto Vecchio: «Es ist eine Ironie, dass die Geschichte gut endet.»

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