09.07.2020

Enges Ringen um Sanierung der Bahnhofstrasse

Löste grosse Diskussionen aus: Die Lenzburger Bahnhofstrasse zwischen Seetalplatz und Bahnhof wird saniert. Foto: Fritz Thut

Löste grosse Diskussionen aus: Die Lenzburger Bahnhofstrasse zwischen Seetalplatz und Bahnhof wird saniert. Foto: Fritz Thut

Von: Fritz Thut

Einwohnerrat: Hauchdünn, mit 18 zu 17 Stimmen, wurden 2,2 Millionen Franken für die Sanierung der maroden Bahnhofstrasse bewilligt. Mit Stichentscheid des Präsidenten wurde beschlossen, die Bushaltestelle aufzuheben. Das letzte Wort hat das Stimmvolk.

Es war eine denkwürdige Zusammenkunft, diese 276. Sitzung des Lenzburger Einwohnerrats. Nicht nur wegen des Sitzungsorts im Rittersaal auf Schloss Lenzburg (vgl. Kasten rechts), sondern wegen des Ringens zweier gleich grosser Lager um Details der eigentlich unbestrittenen Sanierung der Bahnhofstrasse.

Der aktuelle Belag der 1872 erstellten Verbindung zwischen dem inzwischen vom täglichen Pendlerstrom überforderten Bahnhof und der manchmal fast zu idyllischen Altstadt ist im Bereich zwischen Bahnhofkreisel und Seetalplatz mit unzähligen Flicken versehen. Die Holperpiste ist der Stadt unwürdig.

Mit einer Umgestaltung und Sanierung für 2,25 Millionen Franken will die  Stadt aus der Bahnhofstrasse wieder «eine attraktive Achse und eine neue Visitenkarte» machen, wie Daniel Blaser (CVP) als Sprecher der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission (GPFK) ausführte.

Keine Ideallösung

In der sachlichen Diskussion prallten die verschiedenen Ansichten aufeinander. Es wurde offensichtlich, was die Planer schon vorgängig einräumen mussten: Auf dem beschränkten Perimeter liessen sich nicht alle Wünsche umsetzen. Julia Mosimann (SP) «begrüsst die Umstellung auf Tempo 30 sehr», hielt aber fest, dass «die Velos immer noch zu wenig berücksichtigt» seien.

Adrian Höhn (GLP) stellte gar einen Rückweisungsantrag; mit einer neuen Vorlage sollte die Bahnhofstrasse als Begegnungszone (Tempo 20, Vortritt für Fussgänger) ausgestaltet werden. Mit 31 zu 3 Stimmen wurde dieses Ansinnen versenkt.

Bushaltestelle als Sicherheitsrisiko

Namens der SVP- und der FDP-Fraktion stellte Brigitte Vogel (SVP) den Antrag, die Bushaltestelle Angelrain aus Sicherheitsgründen zu streichen und auf der ganzen Länge einen stärkeren Belag einzusetzen, was das ganze Projekt 50000 Franken billiger machen würde. Als Nebeneffekt könnte dann der Fussgängerstreifen wieder «an den richtigen Ort» gerückt werden. Thomas Schär (SP) wehrte sich vehement für den Erhalt; er fürchtete unter anderem eine Zunahme der Elterntaxis in der nahen Schule Angelrain.

In der Haltestellenfrage war der Rat geteilt. Der Änderungsantrag ergab beim zweiten Auszählen ein Patt von 18 zu 18 Stimmen. Gemäss Paragraf 24 des Geschäftsreglements gibt in solchen Situationen der Ratspräsident den Ausschlag. Sven Ammann (FDP) war gegen die Haltestelle. Der darauf eingereichte neue Rückweisungsantrag der SP wurde mit 18 zu 17 Stimmen abgelehnt. Das gleiche Ergebnis (also eine Enthaltung auf linker Seite) gab es in der Schlussabstimmung.

Deutlich klarer wurde beschlossen, dem Stimmvolk die endgültige Entscheidung zu überlassen. Mit 26 zu 8 Stimmen wurde für das Geschäft eine Urnenabstimmung anberaumt.

Gute Zahlen, bunter Bericht

Neben der Bahnhofstrasse war der Jahresabschluss der Einwohnergemeinde das Hauptgeschäft. Corin Ballhaus (SVP) als GPFK-Präsidentin freute sich über das gute Ergebnis der Rechnung, bemängelte aber wie noch viel vehementer ihr Parteikollege Michael Häusermann die Aufmachung des Jahresberichts, der eigentlich Rechenschaftsbericht heissen müsste. Ballhaus: «Wir brauchen kein 87-seitiges Hochglanz-Bilderbuch.» Häusermann: «Das sieht eher aus wie eine Tourismusbroschüre für Neuzuzüger.»

Andernorts freut man sich über die Bestandesaufnahme. Annette Sikyr (SP): «Sehr schön gestaltet und aufgelockert mit schönen Fotos.» Einstimmig wurden Rechnung und Bericht gutgeheissen.

 

(K)eine Premiere

Tagungsort: Zum ersten Mal tagte das Lenzburger Stadtparlament vorgestern Abend während einer Jugendfestwoche. Weil die allermeisten Programmpunkte des Jahreshöhepunktes wegen der Coronaeinschränkungen abgesagt sind, wurde die Zusatzsitzung in der Vorferienwoche überhaupt erst möglich.

Weil die Aula Lenzhard durch eine Schulschlussfeier  belegt war, musste nach einem alternativen Tagungsort Ausschau gehalten werden. Man wählte den Grossen Rittersaal auf dem Schloss. 

Es war eine Premiere in diesem Saal, aber nicht die erste Einwohnerratssitzung auf dem Schloss. Am 1. Dezember 1983 hat das Stadtparlament im Stapferhaus auf dem Schloss getagt. 

Diesmal herrschte trotz coronabedingten grossen Abständen zwischen den einzelnen Sitzen eine spezielle Atmosphäre. Viele Redner beschworen auch die historische Umgebung und erinnerten an Entscheide, die früher gefällt wurden.

Um die spezielle Ambiance des Tagungsortes zu würdigen, gab es anschliessend im Schlosshof einen Apéro. Hier hatten die Einwohnerräte eine erste Gelegenheit, die knappen Entscheide zu analysieren.(tf)