Region (Lenzburg)
16.12.2020

«Eine Einigung zu finden, ist spannend und herausfordernd zugleich»

Stellt sich nach 20 Jahren nicht mehr zur Wahl: Friedensrichterin Dorli Fischer in «ihrem» Verhandlungsraum im Gemeindehaus. Foto: Carolin Frei

Stellt sich nach 20 Jahren nicht mehr zur Wahl: Friedensrichterin Dorli Fischer in «ihrem» Verhandlungsraum im Gemeindehaus. Foto: Carolin Frei

Schafisheim Noch bis Ende Dezember ist Dorli Fischer als Friedensrichterin tätig. Dann geht eine 20-jährige Ära zu Ende. Im nächsten Sommer endet auch ihre Arbeit im Sonderschulbereich, nicht aber ihre Energie für etwas Neues.

Von: Carolin Frei

In den letzten 20 Jahren durfte ich in meiner Funktion als Friedensrichterin so vielen verschiedenen Menschen aus unterschiedlichsten Berufsfeldern begegnen», sagt Dorli Fischer. Lösungswege mit den Konfliktparteien aufzugleisen und schlussendlich eine Einigung zu finden, sei eine spannende und gleichzeitig fordernde Aufgabe. In Konfliktsituationen komme das wahre Menschsein zum Vorschein. Da spiele es keine Rolle, welchen Berufsabschluss die Parteien hätten.

Kropfleerete erlaubt

«Wenn ein Konflikt schon länger brodelt, lasse ich als Erstes eine Kropfleerete zu, die jedoch nicht in Ehrverletzung ausarten darf», sagt die 63-Jährige. Ziel sei immer, einen Vergleich zu finden, den beide Parteien akzeptieren können. «Es soll niemand mit einem Klumpen im Magen den Verhandlungstisch verlassen.» In rund 80 Prozent der Fälle wird eine einvernehmliche Lösung gefunden. Wenn keine Einigung erzielt wird, kann der Friedensrichter einen Entscheid fällen (bis 2000 Franken) oder er schreibt einen Urteilsvorschlag (bis 5000 Franken). Bei einem Streitwert von über 5000 Franken bleibt lediglich das Ausstellen einer Klagebewilligung, die drei Monate gültig ist. In dieser Zeit haben die Konfliktparteien Zeit, sich doch noch zu einigen, bevor sie sich für den Schritt zum Gericht entscheiden.

An die 1000 Streitigkeiten wurden in den letzten 20 Jahren von Dorli Fischer behandelt. Je nach Verfahrenserledigung erhält sie eine Fallpauschale zwischen 120 und 300 Franken. «Vom Bezirksgericht Lenzburg bin ich immer gut unterstützt worden, konnte mich bei komplexen Fällen entsprechend beraten lassen», zieht Fischer Bilanz. Auch den Austausch mit Friedensrichterkollegen hat sie geschätzt.

Wenn man sich missversteht

An ihren ersten Arbeitseinsatz vor 20 Jahren kann sich Dorli Fischer noch gut erinnern. «Es war eine unglaubliche Anspannung da, denn man weiss ja nie, wer da zur Türe hereinkommt», sagt Fischer. Und wie so häufig war es auch beim ersten Fall ein Konflikt, der auf einem Missverständnis basierte. «Wenn die Parteien im Vorfeld nicht klar festhalten, ob beispielsweise ein Geldbetrag als Darlehen oder Geschenk übergeben wird, die Fachbücher ausgeliehen oder geschenkt werden oder ein Arbeitseinsatz im Stundenlohn, pauschal oder als Frondienst geleistet wird, entstehen Konflikte», weiss Fischer aus Erfahrung. Denn so unterschiedlich wie die Menschen seien auch ihre Wahrnehmungen.

Ob Nachbarschaftskonflikte, Erbstreitigkeiten, Forderungen aus Kauf- oder Werkverträgen – der Friedensrichter ist die erste Anlaufstelle für Schlichtungsverfahren. «Sämtliche Streitigkeiten, ausgenommen Miet- und Arbeitsrecht, können vom Friedensrichter behandelt werden», betont Fischer. Dies bedingt, dass sich ein Friedensrichter – eine Tätigkeit im Nebenamt – im Selbststudium ein fundiertes Wissen erarbeitet und ständig Weiterbildungen besucht. «Dank meiner früheren Funktion als Schulpflegepräsidentin waren rechtliche Abklärungen nicht ganz neu für mich. Doch das Einlesen in die umfassende Materie, mit der ein Friedensrichter konfrontiert wird, war intensiv, aber spannend zugleich.»

Spannend geht es auch künftig weiter. Ende Jahr hängt Dorli Fischer zwar den Friedensrichtermantel an den Nagel und ein paar Monate später wird sie im Sonderschulbereich pensioniert. Aber da sei noch so viel Energie. Energie, die sie für Neues einsetzen möchte. Ideen dafür gibt es bereits.

Wie wird man Friedensrichter?

Man muss unter anderem Folgendes mitbringen: Interesse und Kenntnisse in den breit gefächerten Themen des Rechts; Kenntnisse in der Konfliktmoderation, Verhandlungsgeschick; hohe Sozialkompetenz, grosses Verantwortungsbewusstsein; vernetztes Denken; genügend Kapazität für eine seriöse Vorbereitungs- und Verhandlungszeit; Empathie, Geduld, Belastbarkeit, Kreativität und auch eine Prise Humor. Alle Infos unter friedensrichteraargau.ch.