Im Gespräch
09.05.2018

Naturschutz im Herzen: Matthias Betsche ist neu «Anwalt für die Natur»

<em>Mit ihm erhält Pro Natura Aargau eine kompetente Stimme für die Natur:</em> Matthias Betsche an der Bünzaue an seinem Wohnort in Möriken-Wildegg. Foto: Melanie Solloso

Mit ihm erhält Pro Natura Aargau eine kompetente Stimme für die Natur: Matthias Betsche an der Bünzaue an seinem Wohnort in Möriken-Wildegg. Foto: Melanie Solloso

Möriken-Wildegg Matthias Betsche, wohnhaft in Möriken, ist neuer Präsident von Pro Natura Aargau. Im Gespräch erklärt er seine Motivation, verrät, auf was es im Naturschutz ankommt und wo noch Handlungsbedarf besteht.

Von: Melanie Solloso

Herr Betsche, was verbindet Sie mit Möriken-Wildegg?

Matthias Betsche: Die Natur hat mich vor vier Jahren nach Möriken-Wildegg gebracht. Vorher habe ich mit meiner Familie im Kanton Schwyz gewohnt. Es ist wunderschön hier. In Möriken-Wildegg hat die Natur noch Platz.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz in der Natur?

Die Auenlandschaft an der Aare Richtung Rupperswil hat es mir besonders angetan. Aber auch der Chestenberg und die Auenlandschaft an der Bünz in Möriken und das Pro-Natura-Aargau-Schutzgebiet im Wasserschloss sind sehr schön. Das sind übrigens alles hervorragende Beispiele für gelungenen Naturschutz.

Inwiefern?

Die Bevölkerung und die Natur profitieren gleichermassen vom Schutzgebiet. Für die Menschen sind diese Flecken Erholungsgebiet, für die Tiere Lebensraum.

Gibt es in der Region schlechte Naturschutzbeispiele?

Generell muss man die Zersiedelung im Auge behalten. In der Schweiz wird pro Sekunde ein Quadratmeter Landschaft verbaut. Das ist enorm. Gerade dieser Entwicklung möchte ich den Ausbau der Schutzgebiete entgegenhalten.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Eckpfeiler in Sachen Naturschutz?

Das ist ganz klar der Flächenschutz – also Schutzgebiete. Die Natur braucht eine geschützte Fläche, einen Platz, wo sie erhalten bleibt. Wichtig ist auch, der Bevölkerung den Zugang zur Natur zu vermitteln, beispielsweise mit Exkursionen. Also nicht nur schützen, sondern auch darüber reden. Ebenso wichtig ist es, der Natur eine Stimme zu geben: Wir sind die Anwälte der Natur.

Sie sind auch im richtigen Leben Anwalt. Warum braucht die Natur einen Anwalt?

Derzeit ist das besonders nötig. Es gibt beispielsweise Bestrebungen im Bundesparlament, den Schutz der Natur und gewisser Tierarten aufzuweichen. Es ist wichtig, dass wir der Natur eine Stimme geben und dafür sorgen, dass bei Vorhaben die Interessen der Natur berücksichtigt werden.

Sie treten in grosse Fussstapfen, Ihr Vorgänger, Thomas Urfer, hat die Schutzgebietsfläche von Pro Natura Aargau verdreifacht. Was können wir von Ihnen erwarten?

Die Landkaufstrategie hat sich bewährt. Mein Hauptaugenmerk liegt ebenfalls auf der Vergrösserung der Schutzgebiete.

Also auf dem Landkauf, warum?

Der Landkauf ist der richtige Weg. So kann der Bestand von Lebensräumen und Arten langfristig gesichert werden.

Der Platz im Aargau ist beschränkt. Gibt es da überhaupt noch Potenzial?

Ja, es gibt nach wie vor viele Möglichkeiten, auch flächenmässig. Wir prüfen beispielsweise, ob man Schutzgebiete vergrössern kann, zum Beispiel beim Seenger und Boniswiler Moos am Hallwilersee.

Pro Natura Aargau ist mit bisher 280 Hektaren (Stand 2015) grösste private Grundeigentümerin im Aargau. Wie finanziert die Naturschutzorganisation diese Landkäufe?

Dank Spenden, Mitgliederbeiträgen, aber auch mit Beiträgen für konkrete Projekte durch die Dachorganisation, den Kanton oder den Bund.

In Sachen Finanzen haben Sie einen eindrücklichen Leistungsausweis. Sie sind unter anderem Präsident der Finanzkommission Möriken-Wildegg und waren leitendes Direktionsmitglied in der UBS. Finanzen und Natur – das passt doch nicht zusammen?

Finanzen und Natur muss kein Gegensatz sein, es gibt auch im finanziellen Sektor Bestrebungen für Nachhaltigkeit. Ausserdem helfen meine Fachkenntnisse bei der Umsetzung und Realisierung von Projekten. Das ist aber nicht der Grund, warum ich jetzt Präsident bin, sondern meine Leidenschaft für die Natur. Seit ich denken kann, habe ich mit Naturschutz zu tun.

Ihre Motivation für das Präsidentenamt ist also die Liebe zur Natur, warum ist Ihnen der Naturschutz so wichtig?

Wenn man sich für die Natur interessiert, sieht man schnell, dass man helfen muss. Die Natur, die Pflanzen und Tiere sind mit dem heutigen Bevölkerungswachstum keine Selbstverständlichkeit mehr. Als ich klein war, gab es bei unserer Strasse viele überfahrene Amphibien und Frösche. Mit einem Froschzaun konnten wir etliche retten. Dieses Erlebnis hat mich geprägt und mir die Einsicht vermittelt: Die Natur kann man schützen.

Ihr persönlicher Traum ist laut Pressemitteilung von Pro Natura die Wiederansiedelung des Waldrapps im Aargau. Ist das Ihr Lieblingstier?

Ja, das ist einer meiner Favoriten. Es ist ein unglaublich spannender Vogel. ich fände es schön, wenn er in unserer Gesellschaft wieder einen Platz hat. Das geht aber nur, wenn man ihm Fläche gibt.

Sie sind tierlieb. Können Sie für die Natur auch anpacken und sich schmutzig machen?

Da habe ich keine Berührungsängste. Kürzlich halfen mein Sohn und ich bei einer Aufräumaktion von Pro Natura Aargau im Wald bei Tägerig.

Warum ist die Arbeit in Sachen Naturschutz im Aargau noch nicht getan?

Der Fluss-Kanton Aargau hat 90 Prozent seiner Auen verloren. Ursprünglich breiteten sich in den Talebenen grosse Auengebiete aus. Davon ist nur noch ein Bruchteil erhalten. Wichtig ist also, dass wir bewahren, was wir haben, aber auch, dass wir Auenlandschaften wiederherstellen. Positiv für den Aargau ist, dass eine zerstörte Flussaue durch Renaturierung mitunter wiederherstellbar ist. Hier besteht also viel Potenzial. Hier will ich einen wichtigen Beitrag leisten.