Im Gespräch
28.04.2021

Tipp zum Alltag: Ehe auf Zeit

Volker Schulte
Die Ehe als Auslaufmodell. Illustration: mky

Volker Schulte

Volker Schulte
Die Ehe als Auslaufmodell. Illustration: mky

Die Ehe als Auslaufmodell. Illustration: mky

Von: Volker Schulte

Hat die Liebe ein institutionalisiertes Ablaufdatum? So könnte man es meinen. In Mexiko gelten seit einiger Zeit die Ehen nur noch zwei Jahre und erlöschen dann von Amts wegen automatisch. Will man noch verheiratet sein, muss man zeitig den Bestand der Ehe bestätigen.

Auch im Iran wird die «Sighe», die Zeitehe, seit Jahrhunderten praktiziert. Dort dient sie vor allem dem Mann, sich religionskonform auf ein Abenteuer oder auf käufliche Liebe einzulassen.

Für unser Empfinden hat dies viel mit Heuchelei zu tun. Aber wie ist es denn um die Ehe bei uns bestellt? In meinem Kollegenkreis bin ich in letzter Zeit damit konfrontiert worden, dass sich die Jüngeren unter uns schon nach einem oder zwei Jahren scheiden lassen. Man fragt sich, warum ist man ohne Not eine Ehe eingegangen, die eine Halbwertzeit hat, die in Monaten zu rechnen ist? Die Frage ist, warum scheint der Wunsch nach einer Trauung und Ehe da zu sein und warum liegt die Scheidungsrate seit Jahren nahe an der 50-Prozent-Marke? Es ist heute für Paare extrem schwierig geworden.

Die Liebesheirat ist eigentlich eine «Erfindung» der literarischen Epoche der Romantik, mithin gut 200 Jahre alt. Damit ist sie noch relativ jung. Vorher heiratete man an den Fürstenhöfen aufgrund politischer Konstellationen, der Fürst hielt sich Maitressen und auch die Fürstin so manchen Liebhaber. Im sogenannten dritten Stand wurde die Frau verheiratet, um ihr ein Minimum an sozialer Sicherheit zu garantieren.

Heute ist es mit der auf Liebe fussenden Ehe wieder schwierig geworden. Auf der einen Seite sind Mann und Frau mit ihrer Karriere beschäftigt. Die soziale Absicherung ist in den Hintergrund gerückt. Gleichzeitig sind die Herausforderungen an eine Kleinfamilie erdrückend. Kinderbetreuung, häufig ohne die Grosseltern in der Nähe zu haben, ist eine Riesenherausforderung geworden. Männer und Frauen müssen vielen unterschiedlichen Rollen gerecht werden. Niemand möchte etwas verpassen. Es gilt die Maxime «anything goes», was in Tat und Wahrheit ein Trugschluss ist.

«Tipp zum Alltag». Hier schreiben Jörg Kyburz und Volker Schulte jeweils in der letzten Ausgabe des Monats über psychologische Aspekte im Alltag. Die beiden Autoren leiten den CAS-Studienlehrgang Achtsamkeit in Lenzburg.