Im Gespräch
27.01.2021

Der Geburtsort hat ihr Leben geprägt

«Afrika» ist auch in der Wohnung da und dort zu finden: Etwa der Hocker aus Teakholz, auf dem Judith Gysi gerne Platz nimmt. Foto: Carolin Frei
Hafen von Accra anno dazumal: Fischerboote, soweit das Auge reicht. Foto: zvg
Ein stattlicher Bau mit grossem Umschwung: Das Elternhaus von Judith Gysi in Ghana. Foto: zvg

«Afrika» ist auch in der Wohnung da und dort zu finden: Etwa der Hocker aus Teakholz, auf dem Judith Gysi gerne Platz nimmt. Foto: Carolin Frei

«Afrika» ist auch in der Wohnung da und dort zu finden: Etwa der Hocker aus Teakholz, auf dem Judith Gysi gerne Platz nimmt. Foto: Carolin Frei
Hafen von Accra anno dazumal: Fischerboote, soweit das Auge reicht. Foto: zvg
Ein stattlicher Bau mit grossem Umschwung: Das Elternhaus von Judith Gysi in Ghana. Foto: zvg

Hafen von Accra anno dazumal: Fischerboote, soweit das Auge reicht. Foto: zvg

«Afrika» ist auch in der Wohnung da und dort zu finden: Etwa der Hocker aus Teakholz, auf dem Judith Gysi gerne Platz nimmt. Foto: Carolin Frei
Hafen von Accra anno dazumal: Fischerboote, soweit das Auge reicht. Foto: zvg
Ein stattlicher Bau mit grossem Umschwung: Das Elternhaus von Judith Gysi in Ghana. Foto: zvg

Ein stattlicher Bau mit grossem Umschwung: Das Elternhaus von Judith Gysi in Ghana. Foto: zvg

Möriken-Wildegg Judith Gysi hat die ersten neun Lebensjahre in Ghana verbracht, wo ihr Vater eine Handelsfirma leitete. Das hat sie geprägt. So sehr, dass sie sich später für Hilfsprojekte im Ausland starkmachte.

Von: Carolin Frei

Mir hat es in Ghana äusserst gut gefallen», sagt Judith Gysi. Doch bereits als Kind hat sie mitbekommen, dass es nicht die gleichen Rechte für Weisse und Schwarze gab. «Wir Weissen durften ins Schwimmbad gehen, der schwarzen Bevölkerung war dies verwehrt.» Das habe sie nicht verstehen können, weshalb sie immer wieder mal Sachen, etwa Farbstifte, mit ihren schwarzen Gspänli teilte. «Wir hatten Bedienstete, aber die haben mit uns am Tisch gegessen. Sie gehörten zur Familie», betont sie. Deshalb hat man am Familientisch Englisch gesprochen – Ghana war lange eine englische Kolonie. Für Judith und ihre drei Jahre ältere Schwester Marianne war dies kein Problem, besuchten sie doch eine englischsprachige Schule.

Wurzeln in Ghana

Wenn Judith Gysi von dieser Zeit spricht, leuchten ihre Augen. Doch es sollte der Familie nicht vergönnt sein, länger in Afrika zu leben. «Mein Vater leitete die Handelsgesellschaft der ehemaligen Basler Mission, die später in ein eigenständiges Unternehmen überführt wurde. Mit 36 Jahren bekam er einen Hirntumor, weshalb wir die Zelte abbrachen und in die Schweiz reisten, wo mein Vater operiert wurde. Kurz darauf starb er», sagt sie.

Wie wenn dieser Schicksalsschlag nicht genug gewesen wäre für die neunjährige Judith und ihre Schwester, mussten sie auch einsehen, dass sie wohl nie mehr nach Ghana zurückkehren würden. «Für mich brach eine Welt zusammen. Meine Wurzeln waren in Ghana.» Die Familie lebte erst bei den Grosseltern, Judith und Marianne mussten fortan die Schulbank in Veltheim drücken. Eine schwierige Zeit für die beiden. Mit der doch eher zurückhaltenden Schweizer Mentalität bekundeten sie Mühe. In Afrika sei der Zusammenhalt untereinander, das Miteinander, geprägt von Offenheit und Herzlichkeit.

Nach der Schule absolvierte Judith Gysi eine Lehre als Dentalassistentin. Bei der Arbeit lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, mit dem sie fortan eine Gärtnerei und einen Blumenladen in Möriken führte. Die Erinnerungen an Ghana kamen jedoch immer wieder hoch. So erstaunt denn nicht, dass sich Gysi für Hilfsprojekte starkmachen wollte. Nachdem die drei Kinder – zwei davon adoptiert – aus dem Gröbsten heraus waren, legte sie ihren Fokus auf die Entwicklungszusammenarbeit und nahm eine Stelle bei der Mission21 in Basel an.

In dieser Funktion betreute sie sämtliche Kirchgemeinden der Schweiz. Später begleitete sie zudem die Projektverantwortlichen nach Asien und Afrika, um den Verlauf der Hilfsprojekte zu «überwachen». Korruption sei in einigen Ländern ein grosses Problem. Deshalb kam es vor, dass sie bei einem Projekt auch mal den Geldhahn zudrehen mussten.

Weltweite Kirche und Migration

In all der Zeit sei ihr Mann eine grosse Stütze für sie gewesen, denn diese Dienstreisen seien physisch und psychisch anstrengend gewesen. Die letzten vier Jahre vor ihrer Pension leitete sie bei der reformierten Kirche Aargau die Fachstelle Weltweite Kirche und Migration.

In Möriken zeichnete Gysi zudem bis 2020 für den Missionsbasar mitverantwortlich. Dank ihr gabs auch im Coronajahr einen Bazar, allerdings ohne Stände, aber mit Minestrone und Adventskalender, die man sich auf Wunsch von den Konfirmanden nach Hause liefern lassen konnte. Mit dem Reinerlös werden jeweils verschiedene Projekte unterstützt, eins davon aber immer in Afrika. Dort in Projekte für Jugendliche zu investieren, sei sinnvoll, gebe ihnen eine Perspektive im eigenen Land, ist Gysi überzeugt.

Seit ein paar Monaten ist Judith Gysi pensioniert. Doch die Hände in den Schoss zu legen, liegt ihr gar nicht. Langweilig wird es ihr nicht, näht sie doch ihre Garderobe selber und spielt in einer Frauen-Steelband. Im Februar wird sie zudem eine zehnmonatige Ausbildung bei der Dargebotenen Hand in Angriff nehmen. «Meine frei gewordene Zeit möchte ich gerne anderen Menschen schenken.» Und vielleicht wird sie eines Tages doch noch einmal nach Ghana reisen – wenn der richtige Moment gekommen ist.