Hauptartikel
12.02.2020

Abstinenz soll stolz machen

<em>Zeichnen zusammen mit drei Kollegen für die Umsetzung und das Verfassen des Buchs «Mit Stolz aus der Abhängigkeit – Leistungssensible Suchttherapie» verantwortlich:</em> Die Psychotherapeutinnen Susanne Leiberg und Marlis Fleckenstein-Heer. Foto: Carolin Frei

Zeichnen zusammen mit drei Kollegen für die Umsetzung und das Verfassen des Buchs «Mit Stolz aus der Abhängigkeit – Leistungssensible Suchttherapie» verantwortlich: Die Psychotherapeutinnen Susanne Leiberg und Marlis Fleckenstein-Heer. Foto: Carolin Frei

Lenzburg Mitarbeitende der Klinik im Hasel entwickelten ein Therapieprogramm für Abhängigkeitserkrankungen – die Leistungssensible Suchttherapie (LST). Ab April wird dies auch in der Tagesklinik angeboten. Ziel dieses Therapieprogramms ist, «mit Stolz aus der Abhängigkeit» zu gelangen und der Stigmatisierung entgegenzuwirken.

Von: Carolin Frei

Seit 2012 kommt dieses Therapieprogramm, das Martin Fleckenstein und ich entwickelt haben, zum Einsatz», sagt Marlis Fleckenstein-Heer, Psychologin, Psychotherapeutin und Leiterin der Tagesklinik im Hasel in Lenzburg. Inzwischen konnten 300 Personen die neue Therapie nutzen – in der stationären Einrichtung in Gontenschwil und im Ambulatorium in Lenzburg. «Ab April können auch Klienten der Tagesklinik in Lenzburg von der LST profitieren», sagt Fleckenstein. Bei Menschen, die eine Therapie für Abhängigkeitserkrankungen beginnen, überwiegen Gefühle wie Scham und Schuld. Scham, dass sie diese Krankheit entwickelt haben und dass sie es nicht schaffen, abstinent zu leben. Diese negativen Emotionen fördern jedoch die Aufrechterhaltung der Sucht.

Sucht ist eine Krankheit

Viele Betroffene und auch die Gesellschaft gehen davon aus, dass Suchtverhalten selbstverschuldet und keine Krankheit ist. Dem ist nicht so. Doch führt dieses Denken zu Stigmatisierung und zu Abwertung und Ausgrenzung. Hier setzt die Leistungssensible Suchttherapie an. In drei Sitzungen wird Betroffenen eine neue, konstruktive Haltung gegenüber der Abhängigkeitserkrankung vermittelt. Wer sich für die Abstinenz entscheidet – egal ob man von Alkohol, Kokain, Spiel- oder Kaufsucht abhängig ist –, vollbringt jeden Tag aufs Neue eine grosse Leistung. Eine Leistung, die nicht selbstverständlich ist, auf die man stolz sein darf.

Stolz fördert denn auch einen transparenteren Umgang mit der Krankheit. Ein wichtiger Aspekt ist zudem, die Angehörigen miteinzubeziehen. Ein erfolgreicher Suchtausstieg kann nur mit sozialer Unterstützung gelingen. Zur dritten Sitzung werden auch Angehörige eingeladen und zusammen wird der Umgang mit einer allfälligen Krise thematisiert. Die Leistung des Umfelds im Umgang mit der Erkrankung wird ebenfalls gewürdigt, fühlen sich diese Personen doch häufig hilflos und überfordert.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass die LST sowohl beim Entzug als auch bei der Entwöhnung Rückfällen vorbeugt. «Und wir konnten zeigen, dass Teilnehmende nach Klinikaustritt offener über Rückfälle sprechen und diese kürzer werden», sagt Dr. Susanne Leiberg, Leiterin des Forschungsteams und Co-Leiterin des Ambulatoriums.

Ende Januar ist das Buch zur neuen Therapie erschienen. Tipps aus der Praxis für die Praxis. So erstaunt denn nicht, dass das Expertenteam der Klinik im Hasel von Institutionen im In- und Ausland für entsprechende Weiterbildungen angefragt wird.

Wer sich für eine Therapie interessiert, kann sich beim Hausarzt oder auf www.klinikimhasel.ch informieren.

    Der Lenzburger Bezirks-Anzeiger und der Seetaler sind Publikationen der CH Media AG | Datenschutz