Hauptartikel
28.04.2021

Salzkorn: Überorganisation

Rolf Kromer

Rolf Kromer

Von: Rolf Kromer, Lenzburg

Seit einem Monat wird auf dem Parkplatz vor unserer Mietwohnung gebaut. Wir bekommen eine neue Heizung. Eine, bei der die Wärme aus der Erde gewonnen wird. Dazu muss man offensichtlich sehr tief bohren. Die technischen Details kenne ich nicht. Ich stelle nur fest, dass die Bohrung einen grandiosen Lärm verursacht und die Bauarbeiten zeitweise dazu führten, dass die Tischplatte im Homeoffice vibrierte.

Die Bauarbeiten kamen nicht unerwartet: Mehr als einen Monat vor dem Baustart wurden wir mit einem Brief über das Bauprogramm informiert. Für jeden Bauschritt wurde uns ein Datum und eine exakte Uhrzeit aufgelistet.

Besonders Wert legte das an den Bauarbeiten beteiligte Elektrogeschäft darauf, uns vorzuwarnen, wann der Strom unterbrochen werden sollte – was natürlich sehr nützlich war, da meine Liebste und ich derzeit beide im Homeoffice arbeiten. Das Elektrogeschäft legte uns an drei verschiedenen Tagen A4-Zettel in den Briefkasten, die mit «Türanschlag» bezeichnet waren. Im ersten Brief standen Datum und Uhrzeit des halbstündigen Stromunterbruchs. Im zweiten Brief wurden wir an dieses Datum erinnert. Im dritten wurde uns ein «Korrigendum» mitgeteilt. Der Termin musste um einen Tag nach hinten verschoben werden.

Dann kam also der grosse Tag. Der Strom wurde unterbrochen. Planmässig hatten wir nach dreissig Minuten wieder Strom und freuten uns. Unplanmässig klingelte es aber wenige Minuten später an unserer Wohnungstür. Eine Mitarbeiterin informierte uns, dass sie den Strom nun doch noch mal abstellen müssten. Als ich drei Tage später die Post aus dem Briefkasten holte, hatte ich die Episode längst vergessen. Dann entdeckte ich zwischen Rechnungen, Werbung zu Orangen und Schweinefilet im Sonderangebot einen weissen Zettel. Beschriftet mit «Stromunterbruch in ihrer Liegenschaft (Korrigendum)». Darunter stand das Datum. Es war das, an dem der Unterbruch drei Tage zuvor stattgefunden hatte.