Im Gespräch
28.11.2018

Sie schenken mit wenig ganz viel Freude

<em>Geschätzter Besuch:</em> Margrit Müller von der Städtischen Hilfsgesellschaft (r.) besucht Helen Gallner schon seit sieben Jahren während der Vorweihnachtszeit. Foto: zvg<em>Freute sich sichtlich über die 300 Franken: </em>Die 92-jährige Helen Gallner wurde von der Städtischen Hilfsgesellschaft zu Weihnachten besucht. Foto: Melanie Solloso

Geschätzter Besuch: Margrit Müller von der Städtischen Hilfsgesellschaft (r.) besucht Helen Gallner schon seit sieben Jahren während der Vorweihnachtszeit. Foto: zvg

Freute sich sichtlich über die 300 Franken: Die 92-jährige Helen Gallner wurde von der Städtischen Hilfsgesellschaft zu Weihnachten besucht. Foto: Melanie Solloso

Lenzburg Dank der Städtischen Hilfsgesellschaft Lenzburg erhalten minderbemittelte Senioren vor Weihnachten Besuch und ein Geschenk. Für viele ist es das einzige Päckli zu Weihnachten.

Melanie Solloso

Die Advents- und Weihnachtszeit ist keine einfache Zeit, wenn man allein ist. Besonders bei älteren Menschen kommt es häufig vor, dass sie keine oder nur noch wenige Angehörige haben und sie deshalb alleine sind. Kommt dann noch die Armut dazu, sind sie doppelt isoliert. Die Städtische Hilfsgesellschaft Lenzburg versucht, diesen Teufelskreis mit einem einfachen, aber ganz besonderen Hilfsangebot zu durchbrechen. Seit rund 20 Jahren besuchen jeweils in der Vorweihnachtszeit Frauen im Auftrag der Hilfsgesellschaft Lenzburger Seniorinnen und Senioren.

Dieses Jahr besuchten fünf Freiwillige rund 30 minderbemittelte ältere Menschen. Die Besuchten erhalten ein kleines Geschenk und 300 Franken. «Die Freude über den Besuch und die Mitbringsel ist jeweils gross», erzählt Margrit Müller, Vorsitzende der Hilfsgesellschaft. Die 71-Jährige hat die Fäden beim gemeinnützigen Verein seit 10 Jahren in der Hand und von Anfang an hat auch sie Weihnachtsbesuche gemacht.

«Mit dem Geld sollen sich die Senioren etwas leisten können, das sie sich sonst nicht kaufen könnten», erklärt Margrit Müller den Zweck der Aktion. Wichtig sei aber auch der persönliche Kontakt. «Die meisten bekommen selten Besuche, viele haben keine Angehörigen mehr oder diese wohnen weit weg. Bei einigen wenigen sind wir sogar der einzige Kontakt nach draussen.»

Ist jemand einmal auf der Besuchsliste, bleibt er oder sie darauf bis ans Lebensende.

Alle fünf Freiwilligen haben ihre Schützlinge, die sie jedes Jahr um die Advents- und Weihnachtszeit besuchen. «So entsteht mit der Zeit oft eine herzliche Bekanntschaft», erzählt Margrit Müller. Manchmal auch über längere Zeit hinweg.

Seit sieben Jahren besucht Margrit Müller beispielsweise nun schon die heute 92-jährige Helen Gallner. Der Lenzburger Bezirks-Anzeiger durfte beim Besuch dieses Jahr dabei sein.

Die Seniorin begrüsst die Besucher in ihrem einfach eingerichteten Zimmer im Altersheim Obere Mühle in Lenzburg mit einem herzlichen Lächeln. Landschaftsbilder zieren die Wände, nach Familienbildern sucht man vergebens.

Helen Gallner steckt sich das Hörgerät ins Ohr. Über den Besuch von Frau Müller, das Geschenk und den finanziellen Zustupf, auf das freue sie sich jedes Jahr, auch schon lange im Voraus, erzählt sie. Denn oft bekommt die Rentnerin nicht Besuch. Von acht Kindern sind noch sie und zwei Geschwister übrig und die wohnen weit weg. «Meinen Bruder habe ich das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen. Und telefonieren geht halt nicht, dafür hör ich zu wenig», erklärt sie. Dieses Jahr hat Margrit Müller für Helen Gallner ein Glas Honig und eine Körperlotion als Geschenk ausgewählt. Sie weiss: «Für viele ist es das einzige Päckli zu Weihnachten.» Die kleinen Präsentli für jeweils rund 40 Franken sucht sie immer persönlich aus. Denn «etwas Schönes muss es schon sein».

Ein Geschenk und ein Schwatz

Helen Gallner freut sich sichtlich über das Geschenk, aber noch mehr glänzen ihre Augen, als Margrit Müller ihr die 300 Franken in 50er-Noten überreicht.

Nach einem Schwatz über Helen Gallners Jugend – sie ist in einfachen Verhältnissen im Bündnerland gross geworden–, über Gott – dank dem sie sich niemals einsam fühlt – und nachdem sich Margrit Müller über das Funktionieren des neuen Rollators erkundigt hat – auch eine nötige Anschaffung ermöglicht durch die Städtische Hilfsgesellschaft –, verabschieden sich die beiden wieder. Die Nötli mag Helen Gallner noch nicht grad ins Portemonnaie verstauen. «Ich möchte sie noch ein bisschen anschauen», sagt sie schelmisch lächelnd.

«Oft kaufen die Beschenkten einfache Sachen», erzählt Margrit Müller. «Manchmal ein paar neue Finken oder ein neues Nachthemd. Dinge, die für uns selbstverständlich sind, für sie aber nicht.» Vermittelt werden die Personen über die AHV-Zweigstelle. Das Interesse sei gross. Aber mehr als 30 Personen könne die Hilfsgesellschaft nicht besuchen. «Wir sind nur zu fünft, mehr können wir leider nicht bewältigen.»

«Sie sind nicht vergessen»

Für Margrit Müller ist es vor allem, was von den Beschenkten zurückkommt, was sie seit gut zehn Jahren dazu bewegt, die Weihnachtsbesuche zu machen. «Man wird reich beschenkt durch die Besuche, man merkt, man gibt den Leuten etwas, unabhängig von Geld. Man schenkt Zeit und man gibt das Gefühl: Sie sind nicht vergessen.»

Eigentlich wollte Helen Gallner nicht verraten, was sie sich mit dem Geld kaufen wird. Per Zufall traf sie aber Margrit Müller ein paar Wochen nach dem Besuch.

Prompt zeigte ihr die Seniorin stolz eine neue Handtasche. Margrit Müller ist zufrieden. «Genau das wollen wir, dass die Beschenkten sich etwas Schönes mit dem Geld kaufen.»

Hilfe in Not

Lenzburg Die Städtische Hilfsgesellschaft Lenzburg greift Menschen in finanzieller Not unter die Arme. Die Gesellschaft existiert seit schätzungsweise 100 Jahren und setzt sich aus Einwohnern und Firmen von Lenzburg und Umgebung zusammen. Präsidentin ist seit zehn Jahren die mittlerweile 71-jährige Margrit Müller. Die Rentnerin hat bereits die Fühler nach einer Nachfolge ausgestreckt, ist bis jetzt aber noch nicht fündig geworden.

Der Zweck des privaten Vereins ist es, vorübergehend unbürokratische, schnelle finanzielle Hilfe zu leisten. Es werden Personen mit Wohnsitz in Lenzburg unterstützt.

Die Städtische Hilfsgesellschaft übernimmt unter anderem Anteile an Zahnarztkosten, unterstützt Ferienlager der Heilpädagogischen Sonderschule Lenzburg oder leistet Beiträge für Aus- und Weiterbildung. Auch unterstützt der private Verein Angehörige von demenzkranken Menschen. Dazu kommt eine Vielzahl von Hilfen bei Notlagen im Alltag.

Die Städtische Hilfsgesellschaft finanziert sich ausschliesslich aus Spenden und Mitgliederbeiträgen. Die Vorstandsmitglieder des Vereins arbeiten ehrenamtlich.

Damit kann der finanzielle Aufwand für Administration gering gehalten werden. Unterstützungsgesuche kommen via Sozialhilfe zur Hilfsgesellschaft, aber auch direkt von den Hilfsbedürftigen. Auskunft erteilt Vereinspräsidentin Margrit Müller, Telefon 0628916271. (ms)