Im Gespräch
10.10.2018

Ankommen in einer fremden Sprache

<em>«Die ganze Familie hat vom Schüleraustauschprogramm profitiert»:</em> Julia und Eva Noth. Foto: Melanie Solloso<em>In einer anderen Schule neue Erfahrungen machen:</em> Schüler im Klassenzimmer. Foto: Archiv/Barbara Vogt

«Die ganze Familie hat vom Schüleraustauschprogramm profitiert»: Julia und Eva Noth. Foto: Melanie Solloso

In einer anderen Schule neue Erfahrungen machen: Schüler im Klassenzimmer. Foto: Archiv/Barbara Vogt

Region Der Kanton Aargau bietet ein einzigartiges Schüleraustauschprogramm an, leider kennen es nur wenige. «Das muss sich ändern», findet eine Familie mit Lenzburger Wurzeln, die daran teilgenommen hat, und erzählt warum.

Melanie Solloso

Die Jugendlichen aus dem Aargau zwischen 13 und 15 Jahren wohnen während zweier Wochen bei einer französisch sprechenden Kollegin oder einem Kollegen im Welschland oder dem grenznahen Frankreich und besuchen die Schule. Im Gegenzug wohnt der Austauschpartner danach zwei Wochen bei der Aargauer Austauschfamilie. Schulischer Einzelaustausch 14-14 heisst das Austauschprogramm, angeboten vom Kanton Aargau, das nunmehr seit 10 Jahren existiert und jährlich zwischen 130 und 150 Schüler aus dem Aargau in den Kanton Jura und das grenznahe Frankreich vermittelt.

«Ein tolles Programm», finden Eva und Julia Noth-Binggeli. Tochter Julia machte gleich zwei Aufenthalte à je zwei Wochen, den ersten mit 13 Jahren. «Mit dem Resultat, dass sie sich danach um eine ganze Schulnote im Französisch verbesserte», erzählt Mutter Eva mit Stolz. Besonders das Sprachverständnis habe sich dank dem kurzen, aber intensiven Eintauchen in die frankofone Kultur stark verbessert, fasst Tochter Julia zusammen. Für sie gab es aber noch einen anderen Grund, am Programm teilzunehmen. «Eine andere Kultur, ein anderes Schulsystem kennenzulernen, fand ich spannend», sagt die heute 16-Jährige.

Bleibende Erinnerungen

Und wie hat sie das Ankommen in einer fremden Klasse, einer fremden Schule, mit einer fremden Sprache erlebt? Der Start sei schwierig gewesen, das Heimweh am Anfang gross, erzählt Julia Noth. Zum ersten Mal war sie alleine so weit weg von zu Hause. Aber die Gastfamilie habe das gut abgefangen. Mit einem Programm sorgten sie für Zerstreuung. «Es gab Kino und Crêpes», erinnert sich Julia. In unvergesslicher Erinnerung bleiben eine Cellostunde in Französisch, schlafen in einer Jurte im Winter, strenge Lehrer, aufmüpfige Schüler, die herzliche Gastfamilie und schlechter Mensafood versus gute französische Küche bei den Gasteltern.

Nach ein paar Tagen habe sie sich an ihrem Austauschort in Besançon wohl- gefühlt. «Die Gastfamilie hat mich wie ein Familienmitglied behandelt.» Zur Schule ging sie mit der Tochter der Gastfamilie, ein Vorteil für eine gute Integration in die neue Klasse. «Sie stellte mich ihren Kolleginnen und Kollegen vor», erzählt Julia. «Die waren alle sehr nett.»

Sprachverständnis fördern

Vom Schulstoff hingegen habe sie am Anfang wenig mitbekommen. «Die Lehrer sprachen sehr schnell und die Themen sind anders als in der Schweiz.» Der Unterricht am Austausch-Ort dient aber auch nicht der Schulstoffvermittlung, sondern hauptsächlich dem Sprachverständnis. Aus diesem Grund bringen die Austauschschüler Aufgaben und Lernziele von der eigenen Schule mit in den Austausch.

Durch die anfänglichen Verständnisschwierigkeiten liess sich Julia nicht entmutigen. «Man muss einfach probieren, reden, egal, ob es falsch ist», rät sie künftigen Austauschschülern. Dank dem habe sie gelernt, die Sprache zu verstehen und auch zu sprechen. Geblieben ist bei Julia neben besseren mündlichen Fertigkeiten in Französisch auch die Lust auf mehr Frankofonie. «Ich möchte noch viel Reisen, im Welschland und Frankreich, vielleicht mache ich eine Velotour durch Frankreich mit Freunden», sagt die heute 18-Jährige.

Im Gegenzug zu Julias Austausch beherbergte Familie Noth Gasttochter Iris aus Besançon im Aargau. Auch bei ihr war das Heimweh ein Stolperstein, aber auch die rudimentären Deutschkenntnisse erschwerten das richtige Ankommen, erzählt Mutter Noth. «Nach gut einer Woche hatte sich Iris eingelebt.» Vor allem dank der jüngsten Tochter Marta (5) habe die Gasttochter profitiert. «Mit kleinen Kindern fällt es leichter, einfach draufloszuplappern.»

Grosser Nutzen für die Schüler

Geblieben ist der Kontakt mit der Familie aus Besançon. «Bei uns hat einfach alles gepasst», sagt Mutter Eva Noth. Die beiden Musikerfamilien verstanden sich auf Anhieb. «Schon beim ersten Telefongespräch», erzählt die 46-Jährige. «Ich wusste, dass Julia dort gut aufgehoben ist. So war es einfach, loszulassen.» Der Austausch führte bei der Familie Noth-Binggeli auch zu neuen Familienvorlieben. «Wenn wir in der Region Besançon sind, müssen wir einfach Cancoillotte (eine Art Streichkäse) und Comté (Hart-Rohmilchkäse) kaufen.» Umgekehrt bringt die Familie mit Lenzburger Wurzeln Marzipanrüebli für eine Rüeblitorte mit, wenn sie auf Besuch ist.

Vom Austauschprogramm 14-14 ist die Familie begeistert. «Der Nutzen für die teilnehmenden Schüler ist gross, es ist schade, dass das Angebot so wenig bekannt ist», findet Eva Noth. Nächstes Jahr ist Tochter Selma an der Reihe. Auch sie möchte einen Sprachaustausch in Besançon machen. Bei der gleichen Familie.

Schule erleben im Kanton Jura oder Frankreich –

14-14 – schulischer Einzelaustausch

Der schulische Einzelaustausch 14-14 ist ein Programm für einen zweiwöchigen Austausch für Oberstufenschüler mit dem Kanton Jura und dem grenznahen Frankreich. Teilnehmen können Schüler der aargauischen Oberstufe von der 7. bis 9. Klasse.

Die Jugendlichen wohnen bei einem Kollegen im Kanton Jura oder im grenznahen Frankreich und besuchen die Schule. Im Gegenzug wohnt der Austauschpartner danach zwei Wochen im Aargau. Der Jugendliche ist damit Gast und Gastgeber zugleich, macht sich vertraut mit einer anderen Kultur und vermittelt die eigene Kulturzugehörigkeit. Für die teilnehmenden Schüler entstehen keine Kosten. Die Vermittlung und Evaluation übernimmt der Kanton. Die Eltern vereinbaren den Zeitpunkt des Austauschs in gegenseitigem Einvernehmen. Kriterien bei der Vermittlung sind beispielsweise Alter, Geschlecht, Interessen oder Allergien.

Der schulische Einzelaustausch ist ein Programm der Kantone Aargau, Basel-Landschaft und Basel-Stadt in Zusammenarbeit mit dem Kanton Jura, der Académie de Strasbourg und der Académie de Besançon.

Die Anmeldefrist für das Austauschprogramm läuft noch bis zum 15. November 2018. Infos zum schulischen Einzelaustausch 14-14, Anmeldeformulare und Infos zu weiteren Austauschprojekten des Kantons findet man unter www.ag.ch/ fremdsprachenaustausch.(lba)